“Mir war oft nicht klar, warum die überhaupt so pfeifen!”

Erstellt am 14. August 2008

Die 16-jährige Sandra Kalpakidis: Seit der Schiri-Ausbildung mit einem anderen Ernst bei der Sache GB-Foto: Bäuerle

Eigentlich wollte ich das Zimmer giftgrün anstreichen, so wie die Farbe unserer Frauen-Trikots”, lächelt Sandra Kalpakidis spitzbübisch. Wohl wissend, dass die Eltern einem Teenager in der Gestaltung des Kinderzimmers im zunehmenden Alter nicht mehr dreinreden werden.

Und so prangt an einer Seite groß der Schriftzug eines auf Handballutensilien spezialisierten Sportartikel-Herstellers, der sich den Namen der Göppinger Handball-Legende Bernhard Kempa geliehen hat. Handball, das wird im Gespräch mit der jungen Nebringerin schnell klar, ist für Sandra Kalpakidis das Ein und Alles.

Seit Sommer letzten Jahres pfeift die 1,60 Meter große Handballspielerin für die SG Nebringen/Reusten. Sie freut sich schon auf die Hallenrunde, denn aufgrund ihrer erst 16 Jahre darf sie jeweils nur in der Altersklasse eingesetzt werden, in der sie auch selber spielt. “Und in der männlichen A-Jugend ist einfach mehr Action drin.” Inzwischen steckt sie sich als Unparteiische schon recht hohe Ziele: “Also, wenns geht, will ich hoch bis in die Baden-Württemberg-Liga pfeifen.”

Das “wenns geht” bezieht sich auf den Umstand, dass Sandra Kalpakidis, wenn ihre noch junge Schiedsrichterkarriere in Schwung kommen soll, sobald als möglich im Gespann pfeifen sollte. Denn ab einer gewissen Spielklasse wird eben Handball nur zu zweit gepfiffen und wer da mit einem Partner gut “harmoniert”, hat eben Aufstiegschancen.

Dass die junge Handballspielerin, die übrigens als Noch-A-Jugendliche mittlerweile schon ständig mit den Württembergliga-Frauen mittrainiert und spielt, überhaupt Schiedsrichterin geworden ist, entsprang eigentlich einer Notlage. Denn vor zwei Jahren geriet die SG Nebringen/Reusten überraschend in Unterzahl, was die Schiedsrichtergestellung anbetraf. Ein zweiter Neulingslehrgang platzte im Frühjahr 2006 mangels Masse, so dass SG-Chefin Hannelore Häfele händeringend nach Personal suchte, die im Jahr darauf nunmehr in großer Zahl sich dem nicht einfachen Amt des Schiedsrichters annahmen. Und siehe da: Mit Christian Henne, Benjamin Viertel, Anett Hagenlocher, Alexandra Harm und eben Sandra Kalpakidis konnte der Verein gleich fünf Neulinge melden. Mit 15 Jahren war Sandra Kalpakidis mit Abstand die Jüngste – und hat klar bestanden: “Von 30 Fragen habe ich 29 gewusst.”

Wichtig für so eine junge Schiedsrichterin war Rudolf Zeeb, denn der erfahrene SG-Schiedsrichter stellte sich als Betreuung und eben als Fahrer für sie zur Verfügung. Kalpakidis: “Anfangs hat er mich noch den Vereinen vorgestellt, am Ende ist er immer gleich auf die Tribüne gesessen.” Körperhaltung, das hat ihr Zeeb beigebracht, sei als Schiedsrichter das A und O. Und: “Nicht auf Zurufe von außen eingehen.” Doch von Anfang an kam Sandra Kalpakidis bei ihren Spielaufträgen in der D- und C-Jugend gut zurecht. Einmal, so lacht sie, musste sie sogar einem D-Jugendtrainer erklären, dass in dieser Altersklasse offensiv, also ohne Abwehrreihe, gespielt wird: “Ich war erstaunt, wie viele die Regeln eigentlich gar nicht kennen.”

Ehrlich gesagt, so räumt sie ein, ging es ihr als Spielerin lange Zeit genauso: “Deshalb habe ich mich als Schiedsrichter-Neuling gemeldet – mir war oft nicht klar, warum die überhaupt so pfeifen.” Seit sie allerdings das Handwerk erlernt hat, kommt dies auch ihrem eigenen Handballspiel zugute. Sie gehe viel konzentrierter an ein Spiel heran. Auch an den Pfiffen von Kollegen hält sie sich nicht auf: “Fehler macht eigentlich jeder.”

Nach dem Hauptschulabschluss besucht Sandra Kalpakidis im zweiten Jahr die Berufsfachschule in Nagold, im Bereich Pflege. In den Sommerferien jobbt sie bei einem Gäufeldener Betreuungszentrum und hofft in einem Jahr im Pflegebereich einen Job zu finden. Inzwischen will sie weiter an ihrer Schiedsrichterkarriere basteln und hofft, dass die SG-Rückkehrerin Alexandra Harm (war ein Jahr studienbedingt in Trier) mit ihr ein Gespann bildet. Kalpakidis: “Der Rudolf Zeeb ist auch schon fleißig am Suchen.”

Die zwölf Spielleitungen und die diversen Turniereinsätze (“Beim Reustener Turnier durfte ich auch die aktiven Frauen pfeifen”) haben sie schon ein wenig geprägt: “Man wird nachdenklicher.” Vor allem auch die Reaktionsschnelligkeit hat zugenommen: “Im einen Moment denkst du noch daran, Schritte zu pfeifen – und, wenn du dann nicht gleich pfeifst, gibt es schon wieder eine neue Situation.” Die getroffene Entscheidung sollte man mit einer gewissen Strenge vortragen. Was auch Hannelore Häfele schon aufgefallen ist: “Sie ist mit einem ganz anderen Ernst bei der Sache.” Die Zeiten, in denen in der gesamten SG Nebringen/Reusten die Rede von der “kleinen Sandra” war, scheinen wohl vorbei zu sein. ANDREAS GAUSS

(Quelle: Gäubote, 13.8.2008)

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Category: Handball in der Region

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