“Wir haben das Maximale in dieser Saison erreicht”

In mancherlei Hinsicht war Claudia Janoch (beim Wurf) die Spielerin der Saison beim Regionalligisten SG Haslach/Herrenberg/Kuppingen. Für SG-Trainer Heiko Fleisch ist aber das gesamte Team noch entwicklungsfähig GB-Fotos: Bäuerle/Schmidt (Archiv)
Mit einem überragend herausgespielten 34:21-Sieg über den Regionalliga-Tabellennachbarn HSG Leipzig II schloss die SG Haslach/Herrenberg/Kuppingen am Samstag die Saison ab. Im Interview mit dem “Gäubote” schildert SG-Trainer Heiko Fleisch (38) die Hintergründe für den bisher größten Erfolg einer Frauenmannschaft in der Geschichte der SG.
Von Andreas Gauss
Herr Fleisch, was war für Sie beim Abschluss-Sieg über Leipzig die größte Genugtuung?
Heiko Fleisch: “Es war ganz klar die Art und Weise, wie wir den Erfolg über Leipzig geschafft haben. Vor allen haben wir nach den ersten fünf schwachen Minuten das schnelle Spiel, das wir uns vorgenommen haben, technisch einwandfrei umgesetzt. Als Trainer ist es einfach das Größte, wenn man von außen Anweisungen gibt und man gleich merkt, dass das die Spielerinnen aufnehmen und umsetzen. Vor allem haben wir viel aus den Kleingruppen heraus gemacht, etwa aus Freiwurfsituationen heraus. Damit ist Leipzig ja überhaupt nicht zurechtgekommen. Zum Beispiel kam Berna Zümbül über den Kreis immer wieder frei zum Wurf. Zudem: Das letzte Spiel deutlich zu gewinnen und spielerisch zu überzeugen, das war natürlich super schön.”
Schon während der Saison hat es Ihre Mannschaft immer wieder verstanden, sich innerhalb von 60 Spielminuten zu steigern.
“Im Coaching kann man bei dieser Mannschaft wirklich einiges bewegen. Ich versuche auch immer wieder klare, kurze Anweisungen zu geben – die aber relativ deutlich. Das setzt die Mannschaft bis hin zu Spielhandlungen teilweise eins zu eins um. Auslösehandlungen, Übergänge, Abwehrumstellungen oder wir decken offensiv. Aber wir arbeiten unter der Woche schon im Training sehr viel, damit dies während eines Spiels immer sofort umgesetzt werden kann. Längst hat die Mannschaft verinnerlicht, dass wir während einer Partie auch mal taktisch einiges umstellen. Was nicht heißt, dass dies immer funktioniert.”
In der Regel ist der Kampf um Platz drei der um die goldene Ananas, warum war Ihnen und dem Team dieser Platz drei so wichtig?
“Vor der Saison haben wir intern über die Ziele geredet. Vergangene Runde spielten wir gegen den Abstieg, dennoch habe ich selbstbewusst gesagt: Mein Ziel ist Platz fünf. Die Mannschaft war eher skeptisch und zögerlich. Als wir dann in die Saison reingegangen sind, hat die eine oder andere gemerkt, dass wir eigentlich gut mithalten können. Deshalb habe ich die Spannung auch hochgehalten, zusammen mit Ingo Janoch vom Management. Wir haben festgestellt, dass wir mit dem Abstieg nichts mehr zu tun haben werden, sondern vorne mitspielen können. Das Maximale war allerdings Platz drei, zudem klar war, dass Bietigheim als Meister hochgehen wird. Und dieses Maximale haben wir erreicht – mehr ging einfach nicht.”
War das Erfolgsrezept dann ein guter Start?
“Na ja, in der vergangenen Saison haben wir zum Auftakt beim späteren Meister VfL Sindelfingen gewonnen und haben hernach gegen den Abstieg gespielt. Diesmal sind wir mit einer Niederlage gegen einen Gegner gestartet, bei dem klar war, dass er in die zweite Liga will, der vom Etat her einfach hoch muss. Und gegen diese Bietigheimer haben wir nur mit einem Tor verloren. Das war eigentlich ein guter Start. So sind wir gut reingekommen, das hat Selbstsicherheit gegeben. Wir waren in der Hinrunde vorne mit dabei und fielen jetzt nur in der Rückrunde etwas von den Punkten her ab, weil wir verletzungsbedingt nicht mehr komplett trainieren konnten.”
Wer hat Sie dieses Jahr von den Spielerinnen am meisten überrascht?
“Also eine Spielerin des Jahres festzumachen fällt mir schwer, ich schaue mehr auf die Entwicklung jeder einzelnen. Claudia Janoch hat für mich nochmal einen Schritt nach vorne gemacht, obwohl sie in der vorigen Runde schon sehr gut gespielt hatte. Aber diese gute letzte Saison hat sie nun bestätigt und das bei Gegnern, die sie allesamt als unsere Spielmacherin gekannt haben. Anja Gloger hat zudem eine überragende Hinrunde gespielt und eine tolle Torausbeute gehabt. Cinja Wehe hat sich in der Abwehr stark verbessert, gerade in den Spielen, in denen wir offensiv gedeckt haben. Kathrin Mäurle müsste ich auch dazu zählen, wenn sie nicht den Fingerbruch gehabt hätte.”
Wie wichtig waren für die SG die Verpflichtungen der erfahrenen Spielerinnen wie Elisabeth Kipp und Dorothea Rebber?
“Leider war Eli Kipp häufig verletzt und kam nur schwer in die Saison rein, aber nachdem Lena Krone und Dorothea Rebber auf rechts gefehlt haben, war sie zu Saisonende sehr wichtig. Dorothea Rebber war mehr als ein Glücksfall, anders kann man es gar nicht beschreiben. Dass uns so eine Spielerin aus dem Nichts zuläuft. Eigentlich wollten wir sie zuerst in die zweite Mannschaft stecken. Aber nach den ersten Trainingseinheiten sagten wir unisono hoppla. Sie hat Erfahrung, einen Superwurf, passt menschlich klasse in die Mannschaft rein – obwohl sie vom Typ her eher ruhig ist. Aber auf dem Feld ist sie voll engagiert. Ich freue mich schon darauf, wenn sie im Oktober von ihrem Touristik-Job als Reiseleiterin wieder zurück ist und hoffentlich dann die ganze Zeit da bleibt.”
Der Tabellenzweite der Regionalliga, der SC Riesa, betreibt mit einem Etat von 150 000 Euro einen recht hohen Aufwand. Sie kommen bei der SG mit gerade einmal 30 000 Euro aus, geht das auf die Dauer gut?
“Wenn ich die Gesamtsituation betrachte, geht es in Zukunft jetzt eher in die andere, in unsere Richtung. Die Modelle Riesa und Neustadt-Sebnitz sind mehr oder weniger gescheitert. Wir sind auf dem richtigen Weg. Im Frauenhandball gehts nicht über Bezahlung, sondern über Identifikation mit dem Verein und der Unterstützung der Spielerinnen bei der Arbeitsplatz- oder Ausbildungsplatzsuche. Im Übrigen, auch bei den SG-Männern wird nicht mit den Geldscheinen gewunken.”
Seit rund anderthalb Jahren gehen die SG-Frauen unter dem Markennamen “SG-Kuties” eigene Wege, streben eine eigene Vermarktung an. Wie schafft die SG den Spagat, sowohl im Frauen- als auch im Männerhandball in Württemberg mit vorne dabei zu sein?
“Das System steht und fällt bei der SG, dass wir die Zahl der Schlüsselspielerinnen immer wieder erweitern. Wir haben jetzt mit der Nathalie Eisenmann von der HSG Schönbuch jemanden geholt, der irgendwann einmal die Rolle einer Claudia Janoch, Eli Kipp, Lena Krone oder Kathrin Zang übernehmen kann. Man muss also jetzt schon schauen, wie es in ein oder zwei Jahren weitergeht. Profispielerinnen wie etwa in Albstadt haben wir nicht und werden wir uns auch nie leisten können. Das kann man nur kompensieren, wenn man es schafft einen breiten und guten Kader zusammenzustellen. Wenn die eingleisige 2. Liga kommt, wird der Konkurrenzdruck zunehmen und die bisherige Regionalliga als dann 3. Liga um einiges stärker werden. Wir sind aber gut gerüstet und müssen schauen, dass wir Jahr für Jahr dementsprechende Verpflichtungen tätigen.”
Und beide Bereiche – Männer wie Frauen – werden weiter vorne mitspielen?
“Also ich ziehe immer noch den Hut vor den Verantwortlichen, wie sie das bislang hinbekommen haben. Da wird wirklich zusammengeschafft, ich bekomme da nie irgend ein Konkurrenzdenken mit. Das ist schon mal eine Voraussetzung. Da bin ich als Trainer natürlich weniger gefordert als vielmehr die Stammvereine, dieses Projekt SG weiter zu fördern. Im Frauenbereich gibt es ein neues Selbstbewusstsein. Wir bekommen Anerkennung von außen, haben mittlerweile im Schnitt 200 Zuschauer und wir profitieren auch von den Männern. Wenn wir dort an einem Samstag das Vorspiel bestreiten, haben wir in der zweiten Halbzeit eine schöne Kulisse, die uns auch enorm anfeuert. Unsere Leistung wird honoriert und anerkannt. Am Samstag war ein Kabinenfest – und das haben Männer und Frauen gemeinsam bestritten.”
Was ist nächste Saison für diese SG-Mannschaft möglich?
“Mit einer genauen Zielvorgabe tue ich mich noch ein wenig schwer, weil ich nicht einschätzen kann, was die anderen so bewegen werden. Momentan ist es in der Liga recht ruhig. Albstadt, Riesa – geht es da so weiter? Grenzach hat gerade ein neues Jugendkonzept vorgestellt. In allen drei Vereinen steht der Frauenhandball im Club so richtig im Fokus. Mir ist aber klar, dass auch wir uns weiterentwickeln werden. Letztes Jahr lag der Schwerpunkt auf der Abwehr, diese Saison haben wir uns im Angriff enorm verbessert. Jetzt gilt es, eine offensivere Abwehrvariante hinzuzunehmen und das Tempospiel weiter zu forcieren. Das bekommen wir auch hin.”
Mit der vorhin erwähnten Nathalie Eisenmann kommt eines der größten Talente der Region zur SG. Hat die Konkurrenz des VfL Sindelfingen, die nächstes Jahr ja in der Ersten Bundesliga gespielt, geschlafen?
“Im Grunde dürften wir eigentlich gegen den VfL keine Chance haben, wenn es um die Top-Talente geht. Uns hats riesig gefreut, dass sich die Nathalie zu 100 Prozent für uns entschieden hat und wir waren sicher nicht der einzige Verein, der sie angesprochen hat. Sie ist eine Spielerin, die sich weiterentwickeln will, die aber auch Spaß am Handball haben will. Wir können ihr bei uns viel Spielpraxis und auch eine Perspektive bieten. Das ist ein Pfund, mit dem wir gegenüber jüngeren Spielerinnen wuchern können und uns auch gegen Sindelfingen oder Metzingen behaupten können. Zum anderen haben wir ein hohes Maß an Kontinuität. Bei uns weiß man immer sehr früh, wie der Kader sich zusammensetzen wird und wo die Reise hingeht. Wir machen keine Harakiri-Aktionen, wir sind klar strukturiert. Die Spielerinnen wissen, dass sie ein klares, sicheres Umfeld kommen, in dem sie ihre Chance bekommen. Allerdings wissen sie, dass sie darum in einer starken Trainingsgruppe kämpfen müssen.”
Seit Februar sind Sie als Fitnesstrainer in einem Nebringer Sporthotel angestellt, müssen nicht mehr von den Fildern herfahren. Ist da der Wohlfühlcharakter für Sie im Gäu weiter gestiegen?
“Seit ich hier arbeiten kann, ist es für mich schon wesentlich leichter geworden. Ich bin viel ausgeglichener, sitze nicht mehr stundenlang im Auto. Der Job macht mir unheimlich viel Spaß, ich komme extrem gerne zum Arbeiten. Vom persönlichen Umfeld her hat es sich optimal entwickelt. Für mich ein Glücksfall. Die Sache mit der Fitness wollen wir aber auch beim Handball forcieren. Es gibt schon Überlegungen, ob wir nicht noch einen externen Trainer holen, der wie der Leichtathletiktrainer Frank Emde bei den Männern ein zusätzliches Übungsprogramm bietet. Wir suchen da gerade jemanden für den Bereich Schnelligkeit und Koordination.”
Was hat es eigentlich mit Ihrer Floskel “Es wird nicht anstrengend” auf sich?
“Ich sage immer vor dem Training, was für Übungen wir machen. Wenn noch ein Zirkel dazu kommt, merke ich etwa süffisant an: Aber es wird nicht anstrengend. Dann drehen sie schon immer leicht durch, denn wenn ich das sage, wirds erst richtig anstrengend (lacht). Es ist bisschen ein Spiel. Fragen doch einen die Frauen immer vor dem Training: Wie schlimm wirds denn heute?”
“Quelle: Gäubote vom 29.April 2009″
Category: F1: Saison 08/09





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